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Ich weiß jetzt, dass meine Frau Demenz hat, aber das ändert im Grunde nicht viel an dem Problem. Ich weiß, dass sie nichts dafür kann, ich schäme mich jedoch für ihr Verhalten. In der Stadt spricht sie fremde Leute an. Im Restaurant kann sie nicht ordentlich essen und im Kino oder im Theater kommentiert sie laut die Handlungen. Früher gingen wir gern gemeinsam aus. Jetzt traue ich mich nicht mehr mit ihr das Haus zu verlassen.
Die Diagnose hilft nur das Verhalten zu erklären. Häufig ist es jedoch unmöglich, unangemessenes Verhalten zu kontrollieren. Wenn Sie sich schämen und ständig versuchen das Verhalten Ihrer Frau zu korrigieren, verursacht das sowohl für Sie als auch für Ihre Frau zusätzlichen Stress, der ihr Verhalten negativ beeinflusst. So landen Sie unvermeidlich in einem Teufelskreis.
Um das zu vermeiden, bleiben Sie zu Hause, was eine Vereinsamung zur Folge hat. Kontakte mit der Außenwelt sind aber sehr wichtig. Suchen Sie daher Situationen, die mit möglichst wenig Stress verbunden sind und in denen ein problemloser Kontakt möglich ist. Informieren Sie Angehörige, Freunde und Nachbarn über die Krankheit. Sie werden sehen, dass es sehr viele Menschen gibt, die Verständnis für die Situation aufbringen. Sie können einen positiven Einfluss auf Ihre Frau ausüben, für die der Kontakt und die Kommunikation mit anderen wichtig bleiben. Diese Personen werden Sie auch bei der Verarbeitung und Bewältigung der zukünftigen Probleme unterstützen.
Demenz gilt immer noch als Tabuthema, die Enttabuisierung hat jedoch begonnen. Menschen mit Demenz verdienen einen wertvollen Platz in unserer Gesellschaft. Das bedeutet, dass wir alle lernen müssen mit Verhaltensweisen umzugehen, die nicht einfach zu akzeptieren sind.
Mein Vater war immer ein stolzer Mann, ein echter Vater, auf den man sich verlassen konnte, streng und gerecht. Neulich wurde bei ihm die Diagnose „Demenz“ gestellt. Ich kann das nicht akzeptieren. Ich kann nicht zusehen, wie mein Vater dahinvegetiert. Ich habe große Angst vor der Zukunft.
Es ist nicht leicht, mit dieser Krankheit konfrontiert zu werden. Sie wissen, dass Demenz ein unumkehrbarer Prozess ist. Sie stehen am Anfang einer Reihe von Verlusterfahrungen, einer Zeit, die von ständiger Trauer geprägt ist. Das zu akzeptieren, ist sehr schwer. Weil Sie erst kürzlich mit der Diagnose konfrontiert wurden, befinden Sie sich noch in einem Schockzustand. Jetzt haben Sie Angst, weil der Prozess und die Endphase unvorhersehbar sind.
Auch wenn Sie jetzt nichts davon hören wollen, werden Sie feststellen, dass die Zukunft auch positive Erfahrungen bereithält. Mit etwas Unterstützung wird Ihr Vater noch recht gut sein gewohntes Leben leben können. Sowohl für ihn als auch für sein Umfeld ist es wichtig, dass er den Stolz, die Gerechtigkeit und die Strenge, die ihn kennzeichnen, noch erleben darf. Das Umfeld kann ihn dabei unterstützen, indem es ihm genügend Autonomie lässt, ihn auf eine Weise anspricht, die seiner Persönlichkeit gerecht wird und ihn nicht bevormundet.
Wie sich die Krankheit entwickeln wird, kann niemand vorhersagen. Es bringt jedoch nichts, sich nur auf die Probleme zu konzentrieren, die Ihnen bevorstehen. Diese Haltung legt einen Schatten auf die schönen Momente der Gegenwart. Momente des intensiven Kontakts, Worte der Wärme und Liebe, die jetzt mehr denn je ausgesprochen werden können, die kleinen Dinge des Lebens. All dies wird jetzt wichtiger als vorher, vor der Diagnose. Räumen Sie diesen Momenten einen Platz in Ihrem Leben ein.
Als der Arzt sagte, dass meine Frau Demenz hat, war das eine Erleichterung. Jetzt war klar, warum sie Sachen verlegte, immer wieder das Gleiche fragte, Termine vergaß. Jetzt gab es einen Grund für all die Streitigkeiten zwischen uns. All dies hatte eine Ursache, und diese Ursache war eine Krankheit. Jetzt grüble ich wieder nächtelang. Ich fühle mich schuldig für jedes einzelne Mal, wo ich wütend auf sie war, obwohl sie nichts dafür konnte.
Wenn Menschen jahrelang zusammenleben, kennen sie sich in der Regel gut. Sie wissen daher, was sie voneinander erwarten können. Wenn dann plötzlich einer der beiden beginnt, sich seltsam zu verhalten, kann der andere das schwer verstehen und auf keinen Fall akzeptieren, weil das Verhalten der Person nicht seinem Erwartungsmuster entspricht.
Es ist menschlich und ganz normal, dass man dann emotional und vielleicht impulsiv reagiert. Wenn Sie merken, dass Sie überreagiert haben und Sie deswegen Schuldgefühle haben, ist auch das menschlich. Schuldgefühle sind jedoch nicht nötig: Sie wussten ja damals noch nichts von der Krankheit und außerdem bringen Schuldgefühle Sie jetzt nicht weiter. Der Umgang damit kostet Energie und diese Energie können Sie jetzt gebrauchen, um sie positiv einzusetzen. Ab jetzt können Sie Ihren Partner spüren lassen, dass Sie nicht mehr so schnell böse werden, sondern ihn vielmehr unterstützen und ihm helfen, wenn er etwas falsch macht. Sie können ihm auch sagen, dass Sie sehen, dass es für ihn manchmal schwer und schmerzhaft ist. Ihr Partner ist traurig, weil er Möglichkeiten und Fähigkeiten verliert.
Sagen Sie nicht zu schnell: „Es ist alles halb so schlimm, alles wird gut.“ Sie unterstützen Ihren Partner viel mehr, wenn Sie Verständnis für diese Trauer aufbringen, statt sie herunterzuspielen. Auch wenn Sie jetzt wissen, dass Ihr Partner keine Schuld für seine Fehler hat, werden Sie hin und wieder die Geduld verlieren und in alte Muster verfallen. Keine Panik, Sie sind auch nur ein Mensch! Sie dürfen sich Ihre eigenen Zweifel und Ohnmachtsgefühle eingestehen. Wenn dies sehr häufig passiert, dann werden die Belastungen und der Stress wahrscheinlich zu viel für Sie und Sie brauchen Hilfe. Es kann schon sehr helfen, wenn es Menschen gibt, die Ihnen zuhören.
Warum muss ausgerechnet uns das jetzt passieren? Das ist nicht fair. Mutter hat das nicht verdient. Ihr ganzes Leben lang hat sie sich für andere aufgeopfert, und jetzt, wo sie das Leben selber genießen könnte, wird sie durch diese schreckliche Krankheit getroffen. Das macht mich wütend. Rund um mich sehe ich, wie die Leute ihren Urlaub genießen, auf Terrassen scherzen, einkaufen, reden. Ich bin böse auf die Welt und auf alle Menschen um mich herum, die dies nicht miterleben müssen. Sie verstehen auch nichts davon.
Das stimmt. Ihre Mutter hat das nicht verdient. Wer hat das schon? Sie sehen, wie andere Menschen das Leben genießen, während Sie nur Schmerz empfinden. Es stimmt auch, dass andere das nicht verstehen können. Man muss es selbst durchmachen, um es wirklich zu verstehen. Sie haben daher jeden Grund sauer zu sein. Sie dürfen wütend sein. Es wird Sie erleichtern, wenn Sie dieses Gefühl einmal loswerden können. Gleichzeitig wissen Sie als rational denkender Mensch, dass Ihre Wut ein Zeichen der Trauer und Ohnmacht ist. Sie werden mit einem Schicksal konfrontiert, das Sie nicht ändern können oder vielleicht doch? Die Fakten bleiben gleich, daran lässt sich tatsächlich nichts ändern, aber vielleicht können Sie die Art und Weise ändern, wie Sie damit umgehen. Wenn Sie das Schicksal in die eigene Hand nehmen und positive Elemente suchen, schaffen Sie neue Chancen. Wenn Sie beispielsweise sehen, wie Ihre Mutter leckeres Essen und das Plappern der Enkel um sie herum genießt, warum sollten Sie dann nicht „mit“ genießen?
